JOHN LAW     TALITHA CUMI



Das “Dies Irae” bekanntlich liturgischer Bestandteil der roemischen Totenmesse und seit dem 13. Jahrhundert melodisch fixiert, von Mozart bis Verdi immer wieder in Requiems verarbeitet, von Berlioz, Liszt, Rachmaninov immer wieder zitathaft eingesetzt und insofern mit betraechtlichem kommunikativem Potential auegestattet, dient hier dem britischen Pianisten John Law als Rohmaterial fuer sogenannte “Meditationen”. Dabei setzt der einerseits bei Paul Badura-Skoda klassisch ausgebildete, andererseits durch die Zusammenarbeit mit Evan Parker und Louis Moholo in Free Music erfahrene Law diese beiden musikalischen Grundorientierungen in ein produktives Spannungsverhaeltnis: Das “Dies Irae” bleibt als strukturierendes Element immer vorhanden, ist Ausgangspunkt fuer Improvisationen, die bis zu schieren Kontrapunktik einerseits, zu donnernden Clustern andererseits gehen koennen. Law nutzt mit Wollust das Volumen seines grossen Steinway, vor allem dessen Basspotential. Eine duestere “Dies Irae”-Atmosphaere kann ich entgegen seinen eigenen Ausfuehrungen im Booklet nirgends hoeren; es sei denn, niedrige Notenwerte waeren automatisch mit “Totenmesse” etc. zu konnotieren. Im Gegenteil: Laws “Dies Irae” ist eine lebensspruehende, virtuose improvisatorische Tour de force durch die Moeglichkeit eines erstklassigen Fluegels.

Thomas Woertche  Jazz Podium    August 1995